der Gründer und Leiter der Selbsthilfegruppe "Lebig" für
Hirnverletzte und deren Angehörige in Bonn:
Als Selbstbetroffene haben auch wir den üblichen Weg der Rehabilitation durchlaufen - mit zweifelhaftem Erfolg, sagen wir heute mit Abstand.
Nach Abschluss der durch die betroffenen Kostenträger finanzierten Rehabilitationsstufen gelingt es fast niemandem, in allen Bereichen seines Lebens vollkommen an sein altes anzuknüpfen. Nur die Wenigsten schaffen die Rückkehr in die einst beruflich oder sozial erkämpfte Position. Erst mit dem Versuch des Wiedereintrittes ins bekannte, alltägliche Leben zeigen sich zwangsläufig noch nicht behobene Mängel mit aller Deutlichkeit für den Betroffenen durch sein inzwischen klareres, einsichtigeres Erleben.
Übungen zum Wiedererlangen der Konzentrations-, Sprach-, Orientierungs-, ... Entscheidungsfähigkeit, spielten sich noch in einem geschützten Bereich ab, in dem Versagen kein nachhaltiges Problem darstellte, denn Konsequenzen erwuchsen ja nicht daraus. Sogar ein Misserfolg wurde noch zu einem positiven Anzeichen einer möglichen Entwicklung umgedeutet. Die Rückkehr ins Reale trifft nun aber mit aller Härte - mögliches Versagen wird oft zum Schlag. Dazu kommt häufig der teilweise Verlust des sozialen Umfeldes, viele Freunde, Partner oder gar der Ehepartner haben sich mitunter längst davongemacht. Ab sofort hat jedes Versagen oder Nichterfüllen des Erwarteten schmerzhafte Konsequenzen. Dem Erkennen, den Anforderungen des alltäglichen (nicht nur des beruflichen) Lebens oder gar der Anforderungen sich selbst gegenüber noch nicht entsprechen zu können, steht der Betroffene vermehrt und nun ohne Gesprächsbegleitung hilflos gegenüber. Plötzlich ist er völlig alleine auf sich gestellt, was ihn sehr leicht überfordert. Weiterhin ist eine mögliche Entwicklung oftmals noch nicht abgeschlossen. Ausreichende Zeit hingegen könnte vieles ermöglichen, verbessern. Zudem wird ein gewaltiger Schritt in kürzester Zeit von dem hilfsbedürftigen Mensch erwartet: Bis vor kurzem noch war er vieler Entscheidungsmöglichkeiten beraubt; nun wird er in die volle Verantwortung entlassen.
Und genau hier bietet die Selbsthilfe die Möglichkeit, unter nahezu der Wirklichkeit entsprechenden Bedingungen planerisches Denken zu schulen, das Einhalten von Terminen zu üben, nach Verbindlichkeit zu streben. Ziel ist es, Aufgaben zu übernehmen und deren Erfüllung nach bestem Vermögen auszuführen. Bei Erfolg stärkt es ungemein unsere Selbstachtung. Ein Misserfolg hingegen führt nicht zwangsläufig in die Katastrophe, denn wir befinden uns in einer Gruppe von Menschen mit nahezu identischen Problemen. Das persönliche Unvermögen misst sich automatisch an der Leistungsfähigkeit der anderen Betroffenen, macht es erträglicher, verzeihbarer. Ein offenes Gespräch mit Gleichartigen ist eher möglich als mit einem belehrenden Therapeuten, einem der letztlich außerhalb dieser Problematik, weil nicht betroffen, steht. Es eröffnet sich die Möglichkeit, Probleme gemeinsam anzugehen. Und vor allem zu üben! Ohne bei Misserfolg gleich von der ganzen Härte des Scheiterns getroffen zu werden. Hier zu versagen bedeutet, das eigene Vermögen realistischer einschätzen und vor allem an der Behebung der Mankos beharrlich weiter arbeiten zu können. Die Nähe zu anderen Menschen ermöglicht auch das Besprechen von Themen, die in einer Therapie oft nur am Rand, wenn überhaupt, berücksichtigt werden. Probleme in der Partnerschaft, in der Ehe bis hin zu sexuellen Schwierigkeiten, ...
Soziale Einsamkeit mindert die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe ebenfalls. Denn schneller und unproblematischer wird unter Menschen mit gleicher Betroffenheit das Eis gebrochen. Freundschaften entwickeln sich.
Die Selbsthilfe ist somit auch eine gute Möglichkeit, die Wiedereingliederung in den Alltag anzugehen. Auch für den, der diesen Schritt bereits gewagt hat, kann sie eine Hilfestellung, eine Stütze bieten.
Deshalb beantworten wir als einerseits Betroffene und andererseits als Selbsthilfeerfahrene die Frage: "Rehabilitation stationär - und dann ...?" mit: „Selbsthilfe - ein möglicher Weg! Was sonst?“.
Als Vertreter der Bonner Selbsthilfegruppe "Lebig" für Hirnverletzte und deren Angehörige wünschen wir dem 4. Nachsorgekongress 2010 viel Erfolg. Wir wünschen uns aber auch, dass man mit uns und nicht nur über uns redet. Denn letztlich geht es um uns, die Betroffenen!
Anne-Kathrin Gentz-Schönfelder
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Klaus Weiser
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Gründer und Leiter der Selbsthilfegruppe "Lebig" in Bonn