Festvortrag

Neurorehabilitation gestern und heute

Klaus Mayer


Die Themen dieses Kongresses sind gegenwartsbezogen und sollen zukunftweisend sein. Gleichwohl oder gerade deswegen erscheint mir ein Rückblick auf die Vergangenheit und die Entwicklung der Neurorehabilitation wichtig und aufschlussreich. Ein solcher Rückblick versöhnt mit noch zu beklagenden Unzulänglichkeiten. Er erlaubt eine gewisse Befriedigung über das bislang Erreichte. Er fordert aber auch Anerkennung der Leistungen unserer Vorgänger.

Forschung und Praxis der Rehabilitation sind immer abhängig gewesen vom Zeitgeschehen und von Zeitströmungen und geprägt worden von einzelnen Persönlichkeiten. Besondere Bedeutung kommt dabei den beiden Weltkriegen 1914-1918 und 1939-1945 zu. Die Geschichte der Rehabilitation nach Hirnverletzungen und Hirnerkrankungen ist das Ergebnis der Entwicklung von einer beschreibenden Hirnpathologie, etwa eines BROCA und WERNICKE bis Karl KLEIST, über eine biologisch und psychodynamisch orientierte Psychopathologie etwa eines Ernst KRETSCHMER und des schon frühen und intensiven - aber von der Universitätsneurologie wenig beachteten - therapeutischen Bemühens eines Kurt GOLDSTEIN und Walter POPPELREUTER über Alexander LURIA bis zu uns, den Vertretern der heutigen Neurorehabilitation. Diese Entwicklung ist etwas mehr als 100 Jahre alt, sie beginnt aber schon wesentlich früher.

Die erste umfassende Beschreibung der Folgen traumatischer Hirnverletzungen stammt von Jakob I. WEPFER (1620-1695), Stadtarzt in Schaffhausen. WEPFER hat anhand von 222 Krankengeschichten Hirnverletzungsfolgen beschrieben, die dem Zustand entsprechen, der im vergangenen Jahrhundert als „posttraumatische Hirnleistungsschwäche“ und „posttraumatische Wesensänderung“ bezeichnet worden ist. WEPFER hat schon damals versucht, Art und Lokalisation der Hirnläsionen durch Autopsie näher zu erfassen. Therapeutische Empfehlungen hat er nicht mitgeteilt.

1861 haben BROCA und 1874 WERNICKE Störungen der Sprache beschrieben, BROCA Störungen des sprachlichen Ausdrucksvermögens und WERNICKE Störungen des Sprachverständnisses, als Folge autoptisch gesicherter Läsionen an umschriebener Stelle der linken Hirnhemisphäre. Die nach den beiden Erstbeschreibern benannte BROCA (motorische) Aphasie und WERNICKE (sensorische) Aphasie waren das Ergebnis hirnpathologischer und psychopathologischer Untersuchungen und Vergleichsuntersuchungen von Einzelfällen.

In der Folgezeit gewann man durch neue Methoden der Präparierung und Färbung von Gewebeschnitten weitere Kenntnisse über die Morphologie und Topographie der Hirnrinde und über die Leitungsbahnen im Gehirn und Rückenmark. Eine der bekanntesten und heute noch weitgehend gültigen topographischen Darstellungen ist die von BRODMAN aus dem Jahre 1909.

Die experimentelle Hirnforschung setzt im Jahre 1870 ein, als FRITSCH und HITZIG nachweisen konnten, dass die elektrische Reizung der Hirnrinde beim Hund Muskelbewegungen auf der gegenüberliegenden Körperseite bewirkt. Diese Befunde wurden in der Folgezeit von anderen Forschern überprüft, bestätigt und ergänzt. Mit der Einführung und Weiterentwicklung der bildgebenden Verfahren der Computertomographie, Magnetresonanztomographie und funktioneller MRT sowie der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und der Single-Photon-Emissions-Computer-Tomographie (SPECT) etwa 100 Jahre später und bis heute haben die Neurowissenschaften neue wesentliche Erkenntnisse gewonnen mit daraus folgernden Anwendungsmöglichkeiten in der Therapie und Rehabilitation hirnverletzter Menschen. Schon damals war man bemüht, auch die für die höheren Geistesfunktionen zuständigen Hirnbereiche zu ermitteln und zu benennen. Eine solche Lokalisationslehre wurde aber kontrovers diskutiert. So war MONAKOW (1853-1930) davon überzeugt, dass höhere kortikale Funktionen des Menschen Funktionen des Gehirnes als Ganzes sind. MONAKOW schon beeindruckte das Phänomen der Restitution kortikaler Funktionen. Er schilderte schon vollständig oder teilweise reversible motorische und sensorische Ausfälle nach Hirntrauma. Wir haben hier wohl die ersten Hinweise auf die Plastizität und die Regenerationsfähigkeit des Gehirnes und auf die Möglichkeit der Restitution gestörter Funktionen.

Das „experimentum crucis“ des 1. Weltkrieges (1914-1918) führte zwangsläufig zu weiteren Erkenntnissen und zur Notwendigkeit therapeutischer und rehabilitativer Maßnahmen. In früheren Kriegen gab es sehr wenige überlebende Hirnverletzte. Auch im 1. Weltkrieg wurden nur schätzungsweise 10% der Kopfschussverletzten geborgen. Von diesen starb noch einmal die Hälfte. Trotzdem wurden allein im ersten Kriegsjahr mehrere hundert Kopfschussverletzte in die Lazarette eingeliefert. Bereits im Herbst 1914 wurde das erste „Sonderlazarett für kopfschussverletzte Krieger“ von Walter POPPELREUTER in Köln eingerichtet, kurz danach ein weiteres Lazarett von Kurt GOLDSTEIN in Frankfurt a. M., in Mannheim von S.SICKINGER, in München von ISERLIN, in Graz von S.HARTMANN und in Wien von E.FROESCHELS. Da es bis dahin keine Erfahrungen über die Nachbehandlung Hirnverletzter gab. mussten neue diagnostische und therapeutische Methoden entwickelt und erprobt werden. Darum haben sich die genannten Lazarettleiter sehr verdient gemacht. Ihre Namen scheinen heute vergessen, zumindest erwähnt werden sie kaum noch. Das erste und wesentliche Ziel einer Therapie war die Wiedererlangung der sozialen Fähigkeiten zur bestmöglichen Alltagsbewältigung. POPPELREUTER (1917) hat als Mindestforderung einer Therapie aufgestellt, dass der Verletzte „sich wieder verständlich unterhalten, seine Briefe schreiben, seine Zeitung lesen und seine Geldausgaben errechnen kann“.

Wie damals schon, ist auch heute Ziel einer Rehabilitation, Menschen mit Behinderungen den Wiedereinstieg in das Berufs- und Erwerbsleben zu ermöglichen und damit ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander zu fördern. Aufgabe und Ziel heute lautet „Reha zur Teilhabe“. Dabei ist die Rehabilitation nach Hirnverletzung und Hirnerkrankung, die Neurorehabilitation, mehr als die Rehabilitation nach anderen Erkrankungen. Ist doch das Organ des Menschen, das zur Bewältigung der Beeinträchtigung am meisten gefordert ist, das Gehirn, selbst betroffen.

Anhand der Kriegserfahrungen wurde deutlich, dass die klassische Lokalisationslehre ein zu einfaches Bild von den Funktionen des Gehirnes gezeichnet hatte. Die Vielfalt der beobachteten Beeinträchtigungen und Störungen konnten im Einzelnen nur mit Hilfe eines psychodiagnostischen Instrumentariums erfasst werden. Dies war in der Neurologie ein neuer Gedanke, dem viele Neurologen und Psychiater noch lange, z.T. bis in die 50ger und 60ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts skeptisch, wenn nicht gar ablehnend gegenüberstanden. Grundlage der damaligen psychodiagnostischen Methoden waren die Psychophysik FECHNERs und die experimentelle Psychologie WUNDTs mit dem Bemühen um eine messbare und vergleichbare Erfassung psychischer Funktionen. Die psychologischen Untersuchungsmethoden waren meist an gesunden Versuchspersonen entwickelt und erprobt worden. Diese Psychologie war zwar eine reine „Laboratoriumspsychologie“. Die dabei gewonnenen Ergebnisse wurden aber in den Sonderlazaretten für Hirnverletzte Grundlage für die diagnostische Erfassung und Wertung von Leistungsdefiziten, aber auch für eine Übungstherapie. Diese bestand in systematischen Übungen mit bestimmten (Spiel)Materialien. Schließlich führten aber die sozialen und fürsorglichen Probleme der Hirnverletzten zu einer Verlagerung der diagnostischen Schwerpunkte. Anstatt der Leistungsdefizite wurde mehr versucht, deren Auswirkung auf die Lebensgestaltung zu erfassen. Geprüft wurden die Leistungsfähigkeit und die Arbeitsfähigkeit mit zum Teil sehr einfachen Prüfverfahren wie zum Beispiel Messung der Körperkraft und Ausdauer. Man sah den Vorteil der Methode in ihrer Einfachheit. Zur Prüfung der Arbeitsfähigkeit fanden praktisch gestaltete Arbeitsprüfungen in Werkstätten statt. Daraus wurden wieder Übungsbehandlungen und Belastungserprobungen abgeleitet. Viele der damaligen Übungsbehandlungen sind rudimentär noch in modernen Therapieansätzen zu finden.

Ähnlich waren auch die diagnostischen Methoden und therapeutischen Bemühungen in dem von Kurt GOLDSTEIN geleitetem Lazarett. Er bemühte sich sehr um eine theoretische Grundlage der Therapie. Seine Forschungen galten vor allem der Frage, ob eine restitutive Therapie oder eine kompensatorische Therapie sinnvoller ist, also ob es besser ist, die frühere Funktionen des Patienten durch Training wiederzuerlangen, oder ob es besser ist, Ersatzstrategien für verlorene oder gestörte Funktionen einzuüben. Abweichend von der klassischen Lokalisationslehre glaubte GOLDSTEIN nicht an die Zuordnung einzelner Funktionen zu umschriebenen Hirnregionen. Er ging vom Zusammenwirken verschiedener Hirnstrukturen aus, so dass bei einer umschriebenen Verletzung eine Teilfunktionsstörung durch andere Funktionen ersetzt werden kann. Dies erfordere aber ständiges Üben.

An den diagnostischen Methoden kritisierte GOLDSTEIN, dass sie für eine abstrakte Prüfung nicht abstrakt genug, für eine konkrete Prüfung aber nicht konkret genug seien. Er forderte schon damals, dass eine zur Diagnostik und Therapie geeignete Werkstatt mehr an der Wirklichkeit des Berufslebens orientiert sein müsse. Die von GOLDSTEIN erprobten Methoden bedeuteten einen wesentlichen therapeutischen Fortschritt. Für die Hirnpathologie waren GOLDSTEINs Hypothesen sehr innovativ. Dass seine Anregungen in der Folgezeit in Deutschland wenig Resonanz fanden, lag daran, dass er, wie andere jüdische Forscher, nach 1933 nicht mehr publizieren durfte und an dem nach seiner Emigration 1934 nur sehr spärlichen Wissenschaftstransfer von den USA nach Deutschland.

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges waren die Hirnverletzten-Lazarette immer noch überfüllt. Die Annahme, ein bis zwei Jahre nach der Verletzung sei ein stabiler Zustand erreicht, erwies sich zumindest bei den offenen Hirnverletzungen, der Mehrzahl der Kriegsverletzungen, als falsch. Schon in den ersten Nachkriegsjahren zeigten sich bei vielen Hirnverletzten zunehmende Spätkomplikationen, vor allem vermehrt Spätepilepsien. Erst spät setzte sich die Erkenntnis durch, dass eine Heilung im Sinne einer Vernarbung des Gewebes nach offener Hirnverletzung nicht stattfindet. Nachdem die Langzeit- bzw. Dauerfolgen von Hirnverletzungen deutlich geworden waren, ist ein Konzept der lebenslangen Betreuung entwickelt worden. Dies musste aber wegen der schlechten Wirtschaftslage in Deutschland scheitern. Die soziale und finanzielle Situation der Hirnverletzten verschlechterte sich in den 20ger Jahre zunehmend.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten änderte sich dies zwar. Alle Bemühungen um die Lebenssituation und das Ansehen der hirnverletzten Soldaten dienten, wie wir heute wissen, letztlich nur der Vorbereitung eines neuen Krieges mit wieder zu erwartenden zahlreichen Hirnverletzten. So wurden bereits ab 1935 die noch bestehenden Sonderlazarette erweitert und neue geschaffen. Zu Beginn des 2. Weltkrieges waren die Lazarette soweit geplant und ausgebaut, dass jedem Wehrbereich ein eigenes Sonderlazarett für Hirnverletzte zugeordnet war. Das größte mit 2000 Betten befand sich in Berlin-Buch. Struktur und Einrichtung dieser Klinik war konzeptionell an den bereits bestehenden orientiert.

Zur Vereinheitlichung und Effektivität von Diagnostik und Therapie - von Rehabilitation sprach man nicht - der Hirnverletzten im 2. Weltkrieg hat sicher beigetragen, dass diese Lazarette unter straffer - und kompetenter - militärärztlicher Führung standen und zentral gelenkt wurden. Besondere Verdienste kommen hier dem Neurochirurgen Wilhelm TÖNNIS zu, später Ordinarius in Köln. Untersucht wurden mehr als zuvor kognitive Leistungen und praktische Fertigkeiten. Die Leistungsfähigkeit insgesamt als Zusammenwirken der einzelnen Fähigkeiten und Fertigkeiten wurden geprüft mit Arbeitserprobung. Diese klinische Leistungsprüfung wurde von den Neurologen vorgezogen, da sie den psychologischen Methoden immer noch skeptisch gegenüberstanden, so u. a. selbst Viktor von WEIZSÄCKER, damals noch vorwiegend neurologisch tätig. Seine Meinung hierzu „die vorläufig einzige Methode der klinischen Leistungsprüfung ist die berufliche Leistung selbst...Allgemein gilt die Regel, dass man eine Funktion überhaupt nur üben kann im Verband aller Funktionen, welche zu einer Gesamtleistung beitragen. Die so genannte Einzelfunktion existiert gar nicht, sie ist eine Abstraktion.“

So und nach dem Krieg gerieten allmählich die vor allem von Psychologen entwickelten und erprobten Übungen zur Therapie gestörter Einzelfunktionen in Vergessenheit. Weitere Erkenntnisse und Erfahrungen gingen nach Schließung der Wehrmachlazarette durch die Alliierten verloren. Ein Großteil der Krankenakten war vernichtet oder nicht mehr auffindbar. Eine systematische Aufarbeitung der Behandlungsmethoden und der Behandlungsergebnisse war nicht möglich. Die weitere Behandlung der Hirnverletzten des Krieges erfolgte in den damals noch vorwiegend psychiatrisch orientierten Nervenkliniken. Erst allmählich ab Anfang der 50ger Jahre wurden wieder Erholungsstätten und - nunmehr auch so genannt- Rehabilitationskliniken eingerichtet, jetzt auch und besonders für die zunehmende Zahl hirnverletzter Erwachsener, Kinder und Jugendlicher nach Verkehrs-, Arbeits- und Freizeitunfällen. Viele Untersuchungs- und Behandlungsverfahren mussten neu erarbeitet werden. Die Notwendigkeit einer mehr auch wissenschaftlich fundierten Rehabilitation ist zwar seit den 60ger Jahren zunehmend erkannt worden. Eine wesentliche Unterstützung hat aber die Rehabilitationsforschung weder von den Universitäten noch von den Fachgesellschaften erfahren. Rehabilitation wurde bis in die 80ger Jahre nicht oder kaum gelehrt. Gleichwohl gab es in der Rehabilitation qualifizierte und erfahrene Ärzte, Psychologen und andere Therapeuten, die sich in ihren Institutionen um die Verbesserung diagnostischer und therapeutischer Methoden bemühten, meist aber ohne nähere Kontakte zu anderen Institutionen. Noch in den 80ger Jahren trat hier ein Wandel ein. Junge, wissenschaftlich engagierte und geschulte Universitätsärzte übernahmen die Leitung von Rehakliniken und sorgten für eine angemessene räumliche, apparative und personelle Ausstattung, bemüht um eine neurowissenschaftlich fundierte, effektive und evidenzbasierte Therapie.

Die Entwicklung der neurologisch-neuropsychologischen Rehabilitation ist nicht darzustellen ohne eine Würdigung von Alexander LURIA (1902-1977). Er hat in dem von ihm 1936 gegründeten psychologischen Laboratorium des Burdenko-Instituts für Neurochirurgie in Moskau Verfahren zur Diagnostik, Therapie und Rehabilitation traumatischer Hirnschäden entwickelt. In diesem Institut und während des 2. Weltkrieges an einer Neurochirurgischen Klink im Ural hatte LURIA die Möglichkeit an einer außergewöhnlich großen Zahl von Patienten seine Untersuchungs- und Behandlungsmethoden und seine Theorie laufend zu überprüfen. Es liegen von ihm zahlreiche Veröffentlichungen über traumatische Hirnschäden, insbesondere über das Stirnhirnsyndrom und über die Aphasien vor. Obwohl LURIA nie einen Zweifel daran gelassen hat, dass er in der von PAWLOW begründeten materialistischen Psychologie verwurzelt ist, fanden seine Arbeiten zunehmend Beachtung und Anerkennung in der westlichen Welt. Seine Forschungsergebnisse und Therapieansätze sind erst lange nach dem 2. Weltkrieg, in den 60ger und 70ger Jahren, bekannt geworden, haben dann aber zunehmend auch praktische Bedeutung erlangt. Die von ihm postulierte Plastizität des Gehirnes wurde zur theoretischen Grundlage einer neuen Sicht des Rehabilitationsprozesses. Aus seiner Schule sind ganze Programme zur Rehabilitation einzelner Hirnfunktionen entstanden, die zum Teil heute noch Anwendung finden oder die Grundlage modifizierter Behandlungsansätze sind.

Mit und nach LURIA begann sozusagen die „kognitive Wende“, die neuropsychologische Therapie als kognitive Therapie. Therapieplanung und Therapiedurchführung sind individuell unter Beachtung der Vielfalt und Eigenheit von Funktions- und Verhaltensstörungen im Einzelfalle.

Neurorehabilitation heute bedeutet interdisziplinäre ärztliche und psychologische Zusammenarbeit, das gemeinsame Bemühen verschiedener medizinischer, biowissenschaftlicher und verhaltenswissenschaftlicher Disziplinen.

Schon etwa ab den 80ger Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, dass Neurorehabilitation nur wirkungsvoll sein kann, wenn sie frühzeitig, das heißt mit der Akutbehandlung oder unmittelbar danach, beginnt und langfristig, gegebenenfalls lebenslang durchgeführt wird. Nach Studien aus den 60ger Jahren erfolgte damals (1954-1964) die Aufnahme zur Reha durchschnittlich erst nach 18 Monaten und später. Das hat sich inzwischen grundlegend geändert.

Eine weitere Erkenntnis und Forderung war, dass Rehakliniken flächendeckend und möglichst wohnortnah zur Verfügung stehen müssen. Nach unseren Ermittlungen gab es im Jahre 1993 im Bundesgebiet einschließlich neuer Bundesländer 77 Rehakliniken mit 8.300 Betten. Nach der 3. Auflage der von der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation und der Zeitschrift „ Neurologie und Rehabilitation“ herausgegebenen „Klinikadressen“ wird Neurorehabilitation inzwischen in 265 Kliniken und Abteilungen angeboten. Davon liegen 46 in Baden-Württemberg und 42 in Bayern, gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 35 und Hessen mit 33 Einrichtungen. In diesen Zahlen enthalten sind 9 Kliniken für Kinder und Jugendliche, das mag zahlenmäßig ausreichend sein, nicht aber wohnortnah, wie für Kinder und Jugendliche zu fordern. In diesen Zahlen sind auch enthalten Akutkrankenhäuser, die ausschließlich Frührehabilitation betreiben. Stroke Units zur Akutbehandlung des Schlaganfalles gibt es 170. Demgegenüber sind nur 18 Einrichtungen für eine teilstationäre und / oder ambulante Neurorehabilitation angegeben. Hier besteht noch Handlungsbedarf, zumal die ambulante Rehabilitation eine wichtige Ergänzung zur stationären Rehabilitation darstellt, nach meiner Meinung aber keine Alternative, wie manche Kostenträger glauben machen möchten.
Handlungsbedarf besteht auch noch in der Schaffung von Einrichtungen zur therapierenden Langzeitpflege für hirngeschädigte Menschen, bei denen alle Therapie erfolglos oder wenig erfolgreich geblieben ist.

Über die Problematik dieser Einrichtungen heute aufgrund des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes (GMG) und des Fallpauschalengesetzes (FPG) und die weitere Entwicklung der Neurorehabilitation wird hier diskutiert werden. Zu beachten dabei ist, dass nach einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und anderer Institute (Institute for Health Care Business GmbH und ADMED GmbH) die Zahl der stationären Rehabilitationen insgesamt bis zum Jahre 2020 um etwa 13 % von derzeit 1.82 Mio. auf 2.04 Mio. zunehmen wird. Mit wesentlichen zusätzlichen Finanzmitteln durch die Sozialversicherungssysteme aber nicht gerechnet werden kann. ( Dtsch Ärzteblatt 104, 42; 2007).

Nach langer, wechselvoller Entwicklung verfügen wir heute über neurowissenschaftlich begründete, wirkungsvolle und erprobte Verfahren zur Rehabilitation hirngeschädigter Menschen und genügend hierzu qualifizierter Kliniken und Therapeuten.

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
zu der hohen Qualität der Neurorehabilitation heute haben in den letzten beiden Jahrzehnten Viele in Forschung und Praxis beigetragen. Es ist mir aber ein besonderes Anliegen hier und heute eines lieben Kollegen, Weggefährten und Freundes zu gedenken und sein langjähriges, verdienstvolles Bemühen um die Therapie und die Rehabilitation hirngeschädigter Menschen zu würdigen:


Professor Dr. med. Wolfgang Joachim Bock,

der am Abend des 22. Januar plötzlich und unerwartet verstorben ist. Er hatte an diesem Tag noch wichtige und erfolgreiche Verhandlungen zur Vorbereitung einer Tagung unserer Stiftung zusammen mit dem ADAC zum Thema der Unfallverhütung geführt. An der Vorbereitung des heutigen Kongresses war er maßgeblich beteiligt, die aktive Teilnahme, wie im Programm ausgedruckt, war ihm nicht mehr vergönnt. Nunmehr müssen wir auf seine Sachkenntnis, seine Erfahrung als Arzt und Wissenschaftler und seinen ausgewogenen Rat verzichten. Abschied nehmen von einem Kollegen und Freund heißt Rückschau halten auf sein Wirken und die von ihm ausgegangenen Wirkungen, sich erinnern an gemeinsame Ziele und Wegstrecken. Abschied nehmen heißt danken, danken hier einem liebenswerten, allseits geachteten und beliebten Kollegen, einem stets engagierten und um seine Patienten bemühten Arzt. Ich spreche hier für die ZNS - Hannelore Kohl Stiftung.

Wir lernten Wolfgang Bock 1990 kennen aufgrund seiner wie unserer Bemühungen damals um die Frührehabilitation. Als Mitglied einer von uns gebildeten Arbeitsgruppe von Neurologen, Neurochirurgen und Rehabilitationsärzten hat er das Memorandum „Notwendigkeit und Bedeutung der Frührehabilitation“ von 1991 mitgestaltet. In dieser Schrift haben wir auf die Bedeutung der Frührehabilitation und auf die zwingende Notwendigkeit frührehabilitativer Maßnahmen aufmerksam gemacht und Entscheidungshilfen gegeben. Mit gutem Erfolg, Frührehabilitation erfolgt heute flächendeckend. 1993 wurde er von Hannelore Kohl, der Gründerin und Präsidentin des Kuratorium ZNS, in den Vorstand berufen. Er war seitdem ständig bemüht, das soziale Engagement und die Zielvorstellungen von Hannelore Kohl aus der Sicht der erfahrenen Neurochirurgen und Neurotraumatologen zu verwirklichen. Er stand der Präsidentin, dem Vorstand, vielen Fachgesellschaften und Organisationen, in denen er auch unsere Stiftung vertrat, ständig mit Rat und Tat zur Verfügung. Er hat immer wieder neue Anregungen gegeben. Das Bemühen des Vorstandes ärztlich kritisch beobachtet und gesteuert. Er hat sehr viel neurotraumatologisches Wissen und ärztliche Erfahrung eingebracht. Er hat sich selbst mit viel Zeit und Einsatz eingebracht. Was auch immer an Fortschritten für die Therapie und Rehabilitation hirnverletzter Unfallverletzter durch die ZNS - Hannelore Kohl Stiftung erreicht worden ist, hat Wolfgang Bock mitinitiiert und mitgestaltet. Die Entwicklung der Neurorehabilitation seit den 90ger Jahren hat er entscheidend mitgefördert. Dafür haben ihm die hirnverletzten Menschen, alle Institutionen der Neurorehabilitation und deren Mitarbeiter und wir, die ZNS - Hannelore Kohl Stiftung, sehr zu danken. Ich persönlich habe ihm zu danken als immer zuverlässigen Kollegen, Weggefährten und Freund - wir werden Wolfgang Bock nicht vergessen.






Schriftliche Anfrage an den Bayerischen Landtag zur Versorgungssituation der MeH in Bayern
(vlnr.: Dr. P. Reuther,
H. Lüngen, B. Stamm)

Barbara Stamm,
Landtagspräsidentin a. D., Vorsitzende des Lebenshilfe-Landesverbandes Bayern,
Schirmherrin des 13. Nachsorgekongresses

Volker Bouffier
Ministerpräsident des Landes Hessen,
Schirmherr des 12. Nachsorgekongresses

Boris Rhein
Hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst

Karl-Josef Laumann,
Staatssekretär
Beauftragter der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten und Bevollmächtigten für Pflege
Schirmherr des
11. Nachsorgekongresses

Hermann Gröhe,
Bundesminister für
Gesundheit

Andrea Nahles,
Bundesministerin für
Arbeit und Soziales
Schirmherrin des 10. Nachsorgekongresses

Verena Bentele,
Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen,
Schirmherrin des 9. Nachsorgekongresses

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz,
Schirmherrin des 8. Nachsorgekongresses

Dr. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales,
Schirmherrin des 7. Nachsorgekongresses

Daniel Bahr,
Bundesminister für Gesundheit,
Schirmherr des
6. Nachsorgekongresses

Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen,
Schirmherr des 5. Nachsorgekongresses

Dr. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales,
Schirmherrin des 4. Nachsorgekongresses


Karin Evers-Meyer, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Schirmherrin des 3. Nachsorgekongresses



Helga Kühn-Mengel, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten

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